Donnerstag, 17. Mai 2012

Internationaler Tag gegen Homo- und Transphobie 2012

World homosexuality laws
(Stand: 17.05.2012)

Homosexualität legalHomosexualität illegal
   Gleichgeschlechtliche Ehen
   Kleinere Strafen
   (Offizielle) gleichgeschlechtliche Partnerschaften
   Empfindliche Strafen
   Anerkennung ausländischer gleichgeschlechtlicher Ehen
   Lebenslängliche Haft
   Keine (offiziellen) gleichgeschlechtlichen Partnerschaften
   Todesstrafe

By Various (Initial version by Silje) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Mit dieser einleitenden Karte zur rechtlichen Lage von Homosexualität hoffe ich, die nicht selten aufkommende Frage "Ein Tag gegen Homo- und Transphobie? Brauchen wir sowas denn noch?/Welche Rechte wollen die denn noch haben?" gleich im Keim zu ersticken. In 48 Staaten sind homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen generell illegal, in weiteren 27 Staaten sind homosexuelle Handlungen zwischen Frauen erlaubt, Männern aber verboten, in viel zu vielen Ländern kann die Todesstrafe dafür ausgesprochen werden. 

Soviel schon mal zur Legalität von Homosexualität. Doch auch dort, wo man für das Ausleben seiner Homosexualität nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen muss, bedeutet das noch lange keine Gleichberechtigung. In Russland, beispielsweise, ist homosexuelle Aktivität auf dem Papier erlaubt, der Staat tut aber, wie ihr sicher alle mitbekommen habt, sein Bestes, das "Problem Homosexualität" aus dem öffentlichen Leben zu verbannen und totzuschweigen, und das ist noch wohlwollend formuliert. 

Gleichberechtigung, dass würde für mich bedeuten, dass die gesamte Karte dort oben in tiefstem Dunkelblau erscheint (mit Ausnahme der (Ant-)Arktis vielleicht, da wohnt ja eh niemand... wobei ja doch gerade Pinguine nicht selten homosexuelles Verhalten zeigen). Doch selbst dieses Dunkelblau ist trügerisch, denn es bedeutet ja lediglich, dass man seine gleichgeschlechtliche Partnerschaft nicht nur eintragen, sondern dann auch von einer Ehe sprechen darf. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Ehe dann auch mit der traditionellen Ehe gleichgestellt ist. In Portugal, als ein Beispiel, dürfen gleichgeschlechtliche Paare, trotz "Homo-Ehe", keine Kinder adoptieren. Das ist flächendeckend weltweit nur in 19 Staaten erlaubt, in vier weiteren je nach Region. Von einer vollen Gleichberechtigung kann man, unter Vorbehalt, nur in acht Ländern sprechen: Argentinien, Belgien, Island, Kanada, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Spanien (in näherer Zukunft werden Dänemark am 15. Juni dieses Jahres und das Vereinigte Königreich imJahr 2015 dazustoßen). Unter Vorbehalt deshalb, weil homosexuelle Handlungen dort legal, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Ehen anerkannt, Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Eltern erlaubt sind, Homosexuelle offen im Militär dienen dürfen und es Anti-Diskriminierungsgesetze gibt, soweit alles prima und erstrebenswert, allerdings gibt es noch viele rechtliche Aspekte, man denke hier an das Krankenhausbesuchsrecht oder Steuerbegünstigungen, unter denen homosexuelle von heterosexuellen Paaren abgegrenzt werden können. Ich habe, zugegeben, keine Ahnung, wie das in diesen acht Staaten ist, soweit ging meine Recherche dann doch nicht. Man sieht also, auch in unseren hell- bis dunkelblauen Gefilden ist es noch ein weiter Weg zur vollen Emanzipation homosexueller Lebensweisen.


Und das war bislang alles nur aus juristischer Sicht. Homophobie ist nun ja aber (zumindest in der "blauen Welt") in erster Linie kein Problem der Rechtslage, sondern eines des gesellschaftlichen Zusammenlebens, hier, im zwischenmenschlichen Alltag, ist es doch am deutlichsten zu spüren – wenn man nicht gerade versucht, ein Kind zu adoptieren. Im Kopf der Menschen, und nicht im Gesetzbuch, ist es, wo Homo- und Transphobie entsteht, einen Nährgrund findet, wächst, gedeiht und tiefe Wurzeln schlägt. Nun fordere ich nicht, dass jeder Einzelne absolut kein Problem mit Homosexuellen hat und sie von ganzem Herzen umarmt und an seinen Busen drückt. So etwas zu fordern steht ohnehin keinem zu, mir nicht und auch sonst niemandem. Von mir kann ja auch niemand fordern, dass ich den Zeugen Jehovas schon im Treppenhaus freudig entgegenspringe, Dubstep-Machern für ihren großen Beitrag zur kulturellen Vielfalt danke oder mich vor meiner Wohnung an die Straße stelle und den Autofahrern gratuliere, in welch rekordverdächitger Zeit sie die 150 Meter Straßenabschnitt von Stoppschild zu Stoppschild hinter sich gebracht haben. Jeder hat nun mal seine Sym- und Antipathien, das kann und sollte man niemandem verbieten. Diese sind allerdings jedermanns Privatsache und es liegt in Jedermanns Verantwortung, diese Ressentiments vor sich selbst rechtfertigen zu können, sie nicht unreflektiert zu streuen und vor Allem, aufgrund ihnen niemandem am Leben seines Lebens zu hindern oder ihn deswegen zu verletzen.


Genau hier aber liegt das Problem der Homo- und bestimmt auch der Transphobie: sie lässt sich rational nicht rechtfertigen, sie ist quasi selbststreuend, da sie keiner der Aspekte ist, die Kinder klassischerweise an ihren Eltern hinterfragen, und als auf einen zentralen Aspekt des Menschen abzielende Abneigung hat sie ein besonders großes Verletzungspotential. Jedesmal, zum Beispiel, wenn auf dem Schulhof das Wort "schwul" als ultimative Abwertung verwendet wird, ist aus statistischer Sicht mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens ein Kind anwesend, das vielleicht sogar am lautesten lacht, sich insgeheim aber denkt "Ich bin schwul, schwul ist scheiße, also muss ich scheiße sein!". Jedesmal, wenn ein Comedian im Fernsehen sagt "Oh, ich bin in Köln, da muss ich meinen Arsch besonders fest zukneifen" sitzt vor dem Fernseher ein Kind, dass, im Begriff sich und seine Sexualität zu entdecken, sich als Witzfigur und Bedrohung kennenlernt. Jedesmal, wenn in Komödien der schwule Nebencharakter einen Anfall bekommt, weil die Schuhe der weiblichen Hauptfigur nicht zu ihrer Handtasche passen, fragt sich ein fusballspielender, automagazinlesender Jugendlicher, der zufällig auf Männer steht, wo er eigentlich hingehört. In die Probleme, die ein Transgender-Heranwachsender vielleicht hat, vermag ich mich gar nicht erst reinzuversetzen. Aber all die geschilderten Probleme haben eines gemeinsam: sie sind lösbar. Viele, wenn nicht alle, der Ressentiments gegenüber Homo- und Transsexuellen beruhen auf Unwissen, Vorurteilen, Berührungsangst oder einfach Angst vor dem Unbekannten. Die Lösung: Gewöhnung. Die LGBT-Community hat schon so große Fortschritte gemacht, zu einem nicht geringen Teil ganz einfach durch Präsenz zeigen. Habituation, also Gewöhnung, geschieht durch Exposition. Wenn man erkennt, dass es eine enorme Bandbreite Homosexueller gibt, dass die allermeisten von ihnen völlig unauffällige, ungefährliche, einfach normale Menschen sind, dann wird man auch erkennen, dass es keinen Grund gibt, ihnen kritisch gegenüber zu stehen. Und deshalb, so schlage ich den Bogen zur eingänglichen Frage, ist es wichtig, dass es Tage wie den heutigen Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie gibt! Ein Tag, an dem man sich fragt: "Warum Homophobie?" Wichtiger noch, als ein CSD, an dem so Mancher auf Federboas und Glitzer-Strings zeigt und sagt: "Darum!"


Wer, um einen weiteren Bogen zu schlagen, mehr über die internationale Lage in Sachen Homophobie wissen möchte, dem sie der Film Beyond Gay: The Politics of Pride angeraten. In diesem Dokumentarfilm bereist der Organisator der Vancouverschen Pride Parade die Welt bereist, um anhand diverser solcher Paraden die Situation von LGBT-Bewegungen zu beleuchten. Bisweilen (Moskau) erinnert das mehr an einen Agenten-Thriller als an eine Zelebrierung der Vielseitigkeit. Hier der Trailer:


Kommentare:

  1. Sehr schöner Artikel, mal wieder, mein Lieber. Und ich stimme dir zu - viel Vorurteil und Phobie entsteht nur durch schlichte Unwissenheit. Schön, das sich da langsam aber sicher doch immer mehr was ändert.
    Grade auch deine Beispiele mit der Comedy und mehr sind wirklich treffend beobachtet. Insbesondere junge Leute, die noch gar nicht so genau wissen wohin sie wollen und was oder wer sie sind, werden hier oft vor den Kopf gestoßen. Immerhin zeigen auch mehr oder weniger große Erfolge von "Sommersturm" & Co., dass es auch in die andere Richtung da immer mehr Erfolge gibt.
    Wie so oft braucht es einfach Zeit. Bis etwas in den Köpfen der Masse wirklich ankommt vergehen nun mal schon gerne ein paar Jahre.

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    1. Danke. Freut mich, dass der Beitrag Zustimmung fand.

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